Antisexismus Schwerpunkt

Im Rahmen des Antisexismus – Schwerpunktes hat Rosa Costa einen Artikel verfasst, der im SiO 01/2015 erschienen ist. Wir freuen uns, ihn nun auch auf unserer Homepage zum Download bereit zu stellen:

artikel_geschlechtssensible_jugendarbeit

Die genauere Entwicklung bis zu diesem Artikel könnt ihr hier nachfolgend lesen:

Auszug aus dem Jahresbericht 2013:
Im Jahr 2013 setzten wir uns im Team vermehrt mit den Möglichkeiten und Methoden geschlechtssensibler Jugendarbeit auseinander.Wir hielten zwei Klausuren ab und einen Workshop mit Romeo Bissuti vom Verein Männerberatung. Einige Projekte wurden geplant und die alltägliche Arbeit kontinuierlich geschlechtssensibel reflektiert. All dies wirkt sich positiv auf das Klima im Jugendzentrum aus und spiegelt sich auch in der Besucher_innenstatistik wieder. Geschlechtssensible Jugendarbeit setzt laut Expertinnen auf mehreren Ebenen an – an der Selbstreflexion und Vorbildwirkung der Jugendarbeiter_innen, an den strukturellen Rahmenbedingungen und am Umgang mit der Zielgruppe.
Teamreflexion
Voraussetzung für das gute Gelingen der Auseinandersetzung mit Antisexismus im Jugendzentrum, war die vorbereitende Arbeit, die in der Supervision geleistet wurde. Hier konnten wir in einem geschützten Rahmen die zwangsläufig vorhandenen Konflikte im gemischten Team aufarbeiten, gegenseitige Wertschätzung aussprechen und auch gemeinsam geschlechtstypische Verhaltensweisen und Aufgabenverteilungen innerhalb des Teams ansprechen. Wir entwickelten einen vertrauensvollen Raum, in dem wir über sensible Themen, wie die eigene Sozialisation und Erfahrungen mit Sexismus sprechen konnten. Schließlich gelangten wir zur gemeinsamen Einsicht, dass geschlechtssensible Pädagogik und antisexistische Arbeit ein Anliegen von allen Teammitgliedern und nicht Sache der Frauen ist.


Workshop: Männlichkeiten
Da die Arbeit im Jugendzentrum sehr viel in der Begleitung von Burschen in ihrer ‚Mannwerdung‘ besteht, setzten wir uns in einem Workshop mit Romeo Bissuti mit der Herstellung und Funktionsweise von Männlichkeiten auseinander. Wir reflektierten unser Verhältnis zu hegemonialer Männlichkeit und entwickelten gemeinsam Ideen, wie Männlichkeit positiv besetzt werden kann und emanzipatorische Männerbilder gefördert werden können. Ein wichtiges Thema war auch die Aneignung von Konzepten zum ressourcenorientierten Arbeiten mit Burschen, vor allem anhand des Modells von Reinhard Winter. Diese Reflexion hilft uns sehr im Umgang mit den männlichen Jugendlichen und im Entwickeln eines wertschätzenden und ressourcenorientierten Umgangs mit ihren Inszenierungen von Männlichkeiten.


1. Klausur: Geschlechtssensible Pädagogik
In der ersten Klausur Anfang Februar 2013 schufen wir mithilfe von Biografiearbeit eine gemeinsame Grundlage der Reflexion unserer eigenen Geschlechterrollen. Anschließend erarbeiteten wir Theorien der geschlechtssensiblen Pädagogik zu emanzipatorischer Jungenarbeit, feministischer Mädchenarbeit und Crosswork-Ansätzen. Diese Theorieansätze wurden in den folgenden Teamsitzungen in die Praxis umgesetzt, indem der geschlechtssensible Blick – sowohl auf die Differenz, als auch auf die Struktur dahinter – in der täglichen Arbeit mit den Jugendlichen geschärft wurde. Wir entwickelten einen Leitfaden, für eine Reflexion der geschlechtsspezifischen Interaktionen mit und unter den Jugendlichen, den wir die ‚Genderbrille‘ nannten. Diese ‚Genderbrille‘ sollten wir immer aufhaben und sie wird regelmässig in den Nachbesprechungen reflektiert. Auffällig war hierbei, wie wir unterschiedlich mit Burschen und Mädchen umgehen, die Kinder und Jugendlichen uns Jugendarbeiter_innen aber auch zu verschiedenen Anliegen und in unterschiedlicher Weise ansprechen, die geschlechtlich geprägt ist. Wir konnten auch beobachten, dass Mädchen ihre Bedürfnisse leiser formulieren und Beziehungsangebote unsererseits zaghafter annehmen. Hier bedarf es gezieltes und nachdrückliches Zugehen von uns, das sich aber bezahlt macht, in den Beziehungen, die zu den Mädchen entstanden sind. Auch in der Arbeit mit den Burschen zeigen sich Auswirkungen der Reflexion in intimen Gesprächen mit Mitarbeitern und einer allgemeinen Erhöhung der Sensibilität für sexistisches Verhalten.


2. Klausur: Praktische Umsetzung
Bei der zweiten Klausur im September 2013 ging es vor allem um die Umsetzung der antisexistischen und theoretischen Reflexion. Wir formulierten langfristige Ziele unserer geschlechtssensiblen Arbeit, die uns den Weg leuchten und konkrete Ziele, die wir Stück für Stück umsetzen in der Arbeit des Jugendzentrums:

    • Aufhebung des Patriarchats,
    • Gleichbehandlung/ Chancengleicheit
    • Erweiterung des Handlungsspielraumes der Jugendlichen (und der Jugendarbeiter_innen)
    • Förderung von rollen-unangepasstem und nicht-normativem Verhalten
    • Emanzipatorische Samen säen
    • Stärkung von Frauen/Mädchen, Aufwertung und Sichtbarmachung von weiblich konnotierten
    • Eigenschaften, Aufgaben und Berufen
    • Erhöhung des Mädchenanteils
    • Projekte, die Rollenverhalten aufbrechen
    • Denkanstöße geben
    • Positive Vorbilder vermitteln
    • Räumlichkeiten & Angebote an Bedürf-nisse von Mädchen anpassen
    • Aufzeigen von sexistischen Klischees und Strukturen

Projekte
Wir planten auch konkrete Umsetzungen in die Praxis und entwickelten Projekte für Burschen und für Mädchen (Lagerfeuer machen, Werkzeugvermittlung), die ihnen nicht-normative Geschlechterrollen vermitteln. Hierunter fallen Projekt wie Kochen und Stricken mit jugendlichen Burschen, aber auch das Reiki-Angebot fördert die Entwicklung von untypischen Qualitäten bei den Burschen. Für die Mädchen legen wir spezielle Aufmerksamkeit auf die Vermittlung von Fähigkeiten, die ihnen sonst nicht zu getraut werden, wie Lagerfeuer machen, oder aber der Umgang mit Werkzeug. Bei den Projekten wird besonders Wert darauf gelegt, dass die Jugendarbeiter_innen den Mädchen und Burschen jeweils Vorbilder sind. Zudem arbeiten wir derzeit an einer Ausstellung, die Geschlechtsstereotype hinterfragt und auf den Wänden des Jugendzentrums auf sexistische Normen aufmerksam machen will.


Raumumgestaltungen
Zu diesen Projekten kommen strukturelle Veränderungen, die das Jugendzentrum freundlicher gestalten. Die Devise ist mehr Wohnzimmer, weniger Party. Dafür haben wir zwei Lichtermodi eingebaut, die je nach Stimmungslage warmes und helles Licht, oder Diskobeleuchtung geben. Die Idee dahinter ist, dass der Charakter des dunklen Jugendzentrums Mädchen weniger anspricht – aus einer Befragung mit Besucher_innen ging hervor, dass sie sich vor allem mehr Licht und Gemütlichkeit wünschen. Andere Renovierungsarbeiten sind geplant, die das Come In gemütlicher machen, wie die Neustreichung des Hauptraumes oder ein Neulackierung der Bar.


Mädchenarbeit
Um den Mädchenanteil langfristig zu steigern, wurde auch herausreichende Arbeit in Parks betrieben, sowie eine Öffentlichkeitsarbeitsoffensive gestartet. Neue Flyer wurden gemacht, Planen mit den Öffnungszeiten am Platz aufgehängt, sowie die Homepage auf Vorderfrau gebracht. Zudem wurde spezieller Fokus auf die leiser vorgebrachten Bedürfnisse der Mädchen gelegt und wir gingen aktiver auf sie zu.
Der Mädchenanteil ist zwar nach wie vor gering, aber mit 27% im zweiten Halbjahr konnten wir eine beträchtliche Steigerung beobachten (im Jahr 2012 waren es 15%). Für die Mädchen, die da sind, konnten wir im Jahr 2013 auch eigene Programme entwickeln, wie die Mädchenübernachtung. Das Mädchenzimmer wird auch endlich wieder rege genützt und löst bei den Mädchen viel Wohlgefallen und bei den Burschen viel Diskussionen aus. Diese ist so gut angekommen, dass ein eigener Mädchenbetrieb im Jahr 2014 angedacht ist.