Antirassismus-Schwerpunkt

Schwerpunkt NS-Geschichte
Im Frühling des Jahres 2012 wurde besonderes Gewicht gelegt auf das Thema Nationalsozialistische Vergangenheit und ihr Nachleben in Österreich. Wir zeigten zwei Filme, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem NS beschäftigen. ‚Zug des Lebens‘, der einen tragisch-komischen Wunschtraum – die rettende Flucht eines ganzen jüdischen Dorfes nach Palästina – zeigt. Auf Anregung eines Jugendlichen hin schauten wir ‚This is England‘, der die langsame Nazifizierung der britischen Skinhead-szene behandelt.
Dann stellte die Mitarbeiterin, Rosa Costa, eine Kiste mit alten Dokumenten ihres typisch-österreichischen, nationalsozialistischen Großvaters zur Verfügung – die Jugendlichen konnten in den Originalquellen stöbern und sich so niederschwellig mit der österreichischen Vergangenheit auseinandersetzen. Aus dem gemeinsamen Rumwühlen entstanden viele spannende Gespräche und auch der Wunsch von einigen Jugendlichen ihrer eigenen Familiengeschichte nachzugehen. Die Erforschung der eigenen Geschichte, bzw. der Geschichte Liesings blieb leider bei den Gesprächen stehen, obwohl wir einige Angebote machten – wie ein gemeinsamer Besuch des Bezirksmuseums oder der Gedenkstätte Mauthausen, oder auch die Einladung eines Zeitzeugen.
Das Interesse der Jugendlichen richtete sich dann auf heutige Neonazis und Burschenschafter, weshalb wir am 15.6. einen Workshop zum Thema Rechtsextremismus mit Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands organisierten. Es waren einige Jugendliche mit viel Interesse dabei, und führten auch darüber hinaus spannende Gespräche u.a. mit einem Jugendlichen, der früher in einer Nazi-gruppe organisiert war und der viele Widersprüche rechtsextremer Ideologien deutlich machte.
Letzlich führte uns die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dazu, mit einigen Jugendlichen, die etwas dagegen tun wollten, zu der Gedenkveranstaltung am 8.Mai, dem Tag der Befreiung, von der Initiative ‚Jetzt Zeichen setzen‘. Dort konnten wir unterschiedliche, antifaschistische Strategien und viel über das Funktionieren von Demokratie lernen, da an diesem Tag der Heldenplatz ein Brennpunkt verschiedener Proteste gegen rechtsextreme Burschenschafter war.

Schwerpunkt Schimpfwörter
Ein weiterer Schwerpunkt, der uns im Jugendzentrumsalltag beständig begleitet, sind Schimpfwörter. Wie wir wissen, ist die Jugendsprache geprägt von einem recht lockeren bzw. übertriebenen Gebrauch von meist sehr verletzenden und diskriminierenden Schimpfwörtern. Als Jugendarbeiter_innen sind wir ständig konfrontiert mit der Frage, wie wir damit umgehen – können wir Schimpfwörter verbieten? Welche dulden wir, welche nicht? Müssen wir jedes Mal wenn Jugendliche diskriminierende Wörter verwenden, einschreiten und dies thematisieren? Ist das nicht hinderlich für den Aufbau einer Beziehung? Diese Fragen beschäftigten uns im Team und wir versuch(t)en einen anderen Zugang als Verbot dazu zu finden. Das Ergebnis sind nicht nur ein breiteres Spektrum an möglichen Interventionen von uns Jugendarbeiter_innen – der von Verbot, Gespräch, Humor bis zum Ignorieren reicht.
Unter anderem erstellten wir mit großer Beteiligung eine Liste der erlaubten und nicht-erlaubten Schimpfwörter. Wir haben den Jugendlichen ein einfaches Kriterium zur Verfügung gestellt, mit der sie selbstständig Schimpfwörter in die jeweilige Spalte schrieben. Jene Schimpfwörter, die andere Gruppen als die beschimpfte Person beleidigen, sind nicht okay. Also alle Schimpfwörter, die eine Gruppe von Menschen wegen der ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Position bzw. Eigenschaften abwerten. Diesen Unterschied konnten wir recht gut vermitteln und es zeigte für einige Zeit Wirkung. Vor allem darin, dass einige anfingen, recht kreative Schimpftiraden von sich zu geben und sie sich selber untereinander daran erinnern, welche Schimpfwörter nicht okay sind. Wir freuten uns vor allem darüber, dass sie ihren Wortschatz bereichern konnten und dass sie lernten ihren Frust auszudrücken ohne gesellschaftlich marginalisierte Gruppen zu beleidigen.
Aus der Auseinandersetzung um Schimpfwörter im Jugendzentrum entstand auch ein Artikel einer Mitarbeiterin, der in der Wiener Zeitung ‚malmoe‘ erschienen ist.
(Zum Nachlesen: hier)

Schwerpunkt Antirassismus
Der nächste Schwerpunkt reihte sich auch inhaltlich in den Jahresschwerpunkt der MA 13 ‚Zusammenleben‘ ein – es ging um Antirassismus. Wir setzten uns im Team recht ausführlich mit dem Themenkomplex Rassismus – Jugendliche mit Migrationshintergrund – soziale Benachteiligung – Identifizierungsmöglichkeiten auseinander. Die Verhältnisse und Konflikte unseres Arbeitsalltags besprachen wir verstärkt in den Teamsitzungen, aber auch in der Supervision reflektierten wir unsere eigenen vorurteilsbeladenen Motivationen. Um die Reflexion auch auf einer inhaltlichen Ebene tiefer gehen zu lassen, luden wir einen Experten von ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit), Volker Frey ein, der mit dem Team ein Sensibilisierungs- und Antirassismustraining abhielt. Hier lernten wir die rassisierten Verhältnisse besser zu verstehen und in weiterer Folge auch besser zu vermitteln.
Ausgangslage waren territoriale Konflikte unter Jugendlichen, die ethnisiert ausgetragen wurden. In zahlreichen Gesprächen mit einzelnen und mit Gruppen konnten wir einerseits die unterschiedlichen Ebenen der Konflikte klarstellen und an einer Lösung für ein friedlicheres Miteinander arbeiten. Wir konnten auch die Vereinheitlichung des Begriffs ‚Ausländer‘ vermitteln und aufzeigen, dass das Problem nicht in der Herkunft oder Kultur liegt. Die ‚österreichischen‘ Jugendlichen haben nämlich weder ein Problem mit ‚migrantischen‘ Jugendlichen, die Teil ihrer Gruppe sind, noch mit den Jugendlichen vom Flüchtlingswohnheim, die wunderbar in den Jugendzentrumsalltag integriert sind. Das Problem haben sie mit dem Klischee des jugendlichen, kriminellen Migranten, den leider einige Jugendliche aus Mangel an anderen Identifikationsmöglichkeiten und Zukunftschancen versuchen zu entsprechen. Wir thematisierten auch den Kreislauf von Stereotypen und Zuschreibungen, die dann durch beständiges Wiederholen und durch die Erwartungshaltung Realität werden. In weiterer Folge haben wir uns auch mit dem Phänomen des ‚coolen Gangster-image‘ beschäftigt und mit den Jugendlichen gemeinsam den Film ‚Schwarzkopf‘ über den österreischischen Rapper Nazar angeschaut.
Desweiteren arbeiteten wir zusammen mit dem Verein ‚White Ribbon – Männer gegen Gewalt‘ und wurden zum Kooperationspartner in ihrer neuen Kampagne für Gewaltprävention bei Männern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Im Mai fand ein Fokusgespräch mit 8 Jugendlichen statt zum Thema Gewalt, Gewaltprävention und Männlichkeiten. Hierbei ging es vor allem darum, die Jugendlichen als Experten für ihre Lebenswelten zu sehen und von ihnen Ratschläge für die Gestaltung der Kampagne zu erhalten. Die gemeinsam mit den Jugendlichen erfolgte Differenzierung vom Gewaltbegriff, der auch verbale, psychologische und strukturelle Gewalt beinhaltet, wirkte nachhaltig in der Arbeit im Jugendzentrum. Die dort erarbeiteten Erkenntnisse wurden in weiterer Folge zum gemeinsamen Ankerpunkt bei der Thematisierung von Gewalt im Alltag der Jugendlichen und im Jugendzentrum.

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